Interview: Highstreet Studio

Als sporadischer Nordseetourist empfinde ich eine Fahrt durch die Niederlande immer ein bisschen wie Urlaub. Das galt besonders an diesem wunderschönen, nicht zu heißen Sommertag im ausklingenden August, an dem die Sonne postkartengleich vom stahlblauen Himmel strahlte. Meine Reise führte mich ins Highstreet Studio von Tonmeister Bert van der Wolf, nach Heerewaarden, einem kleinen Ort zwischen Maas und Waal in der Provinz Gelderland. Woher das Studio seinen Namen hat, wurde bereits bei der Adresseingabe ins Navigationssystem klar: Hogestraat 20. Vor noch nicht allzu langer Zeit verließ Bert seinen langjährigen Studiostandort, um sich, gemeinsam mit seiner Frau Veronique, auf ein neues Abenteuer einzulassen. Einen großen Teil seines Berufslebens verbrachte Bert damit, Musik dort aufzunehmen, wo sie entsteht: in Kirchen und Konzertsälen, deren Akustik wesentlicher Bestandteil der Klangästhetik und der musikalischen Darbietung ist. Für die Beurteilung seiner Aufnahmen musste er vor Ort oft mit teils abenteuerlich provisorischen Bedingungen zurechtkommen. In Heerewaarden verfügt er nun erstmals über einen eigenen Aufnahmeraum unmittelbar neben seiner Regie – und dieser Raum ist … eine Kirche.

Die niederländisch-reformierte Kirche von Heerewaarden wurde 1849/50 errichtet und steht an einem Ort mit wesentlich älterer Geschichte. Das heute denkmalgeschützte Gebäude mit seinen neogotischen Gestaltungselementen hat mit dem Einzug des Studios seine neue Bestimmung gefunden, die in der Gemeinde auf ausnahmslos positives Echo stieß. Einmal im Monat steht die Kirche weiterhin für einen Gottesdienst zur Verfügung, und in Abständen werden auch kleine Konzertabende für Musikliebhaber der Region veranstaltet. Die Kirche bietet Platz für etwa 150 Besucher. Als ich den Zielort erreichte, hatte Bert mich bereits gesehen und kam mir zur Begrüßung entgegen. Wir hatten uns viele Jahre nicht mehr gesehen, sodass die Wiedersehensfreude erst einmal wichtiger war als das eigentliche Besuchsprogramm. Bert führte mich zunächst in den privaten Bereich des Nebengebäudes und dort in die Küche, wo er mir bei einem Begrüßungskaffee erzählte, dass das, was ich jetzt als fertig eingerichtete Wohnung erlebte, vor einem Jahr noch wie eine Bauruine ausgesehen hatte. Vom Wohnbereich trennte uns nur eine Tür zum ‚Aufnahmeraum‘. Als wir die Kirche betraten, war ich von den großzügigen Dimensionen überrascht, die sich anhand der Bilder, die ich zuvor gesehen hatte, nur schwer hatten einschätzen lassen. Zugleich veränderte sich beinahe automatisch die Stimmung. In diesem Raum verfällt man unwillkürlich in eine gewisse Andacht – und beginnt fast ebenso unwillkürlich, leiser zu sprechen. Dabei bleibt jedes Wort auch über größere Entfernungen erstaunlich gut verständlich. Mein erster Blick fiel auf die für eine Kirche eher ungewöhnliche Holzdecke, dann auf die Diffusoren des italienischen Herstellers Audys – vertraute akustische Elemente in einer ansonsten ganz und gar nicht alltäglichen Aufnahmeumgebung. Ein Teil davon kann am Seitengestühl über Schienen frei positioniert werden, weitere Elemente sind an den Wänden zwischen den Kirchenfenstern angebracht oder lassen sich unmittelbar in der Nähe der Instrumente positionieren. Die akustischen Verhältnisse können damit an unterschiedliche Besetzungen und Aufnahmesituationen angepasst werden. Optisch bleibt die hinzugefügte Akustik eher im Hintergrund, ihre Wirkung war beim Hören jedoch deutlich, besonders die ausgezeichnete Direktschallwahrnehmung. Der Raum vermittelt seine Größe und besitzt einen deutlich vernehmbaren Nachhall, ohne Sprache undeutlich werden zu lassen. Bereits bei unserer Unterhaltung ließ sich deshalb erahnen, dass hier ungewöhnlich günstige Voraussetzungen für Musikaufnahmen bestehen. Als Erklärung für diesen Höreindruck kam mir unmittelbar die deutliche zeitliche Lücke zwischen Direktschall und dem Einsetzen der frühen Reflexionen in den Sinn. Einen noch konkreteren Eindruck vermittelte der von Bert für mich angespielte Yamaha-Flügel, auf dem, wie Bert erzählte, auch Herbie Hancock bevorzugt gespielt habe. Obwohl ich kein ausgesprochener Klavierkenner bin, wirkte sein Klang über die gesamte Klaviatur ausgesprochen homogen und energetisch bis in die höchsten Register sehr gleichmäßig. Durch unterschiedliche Hörabstände ließ sich das Verhältnis zwischen diesem wirklich besonderen Instrument und dem nicht minder besonderen Raum unmittelbar begreifen. Günstige Mikrofonpositionen im Raum kann man mit den eigenen Ohren erkunden, bevor Mikrofone tatsächlich aufgestellt werden. Der am meisten in meinem Gedächtnis gebliebene Eindruck stellte sich jedoch erst im Regieraum ein. Nach dem längeren Aufenthalt in der Kirche hörte ich dort eine Aufnahme, die in eben diesem Raum entstanden war. Seine reale Akustik war mir noch unmittelbar gegenwärtig, sodass sich die Glaubwürdigkeit der räumlichen Abbildung ungewöhnlich genau beurteilen ließ. Die Positionen der Instrumente und der Stimme waren nicht nur in der Breite, sondern auch in Tiefe und Entfernung präzise auszumachen. Unwillkürlich schloss ich die Augen und versuchte, die einzelnen Distanzen abzuschätzen – als befände ich mich mitten im Geschehen und erlebte die Aufführung unmittelbar. Es schien, als hätte man die Akustik der Kirche in den Regieraum hinübergetragen. So etwas macht mich jedes Mal aufs Neue sprachlos. Nachdem ich die Kirche und ihre akustische Entsprechung in der Regie erlebt hatte, wollte ich genauer verstehen, wie Bert zu diesem Ergebnis kommt. Zugleich hatte der Rundgang deutlich gemacht, wie viel er mit dem Wechsel nach Heerewaarden noch einmal in Bewegung gesetzt hatte. Unser Gespräch begann deshalb mit der Frage, warum er einen vertrauten, über viele Jahre gewachsenen Arbeitsplatz verlassen hatte, um hier neu anzufangen.