Studio Short: SSG Loudness Pro
Traditionell stehen uns für die Herstellung eines lauten Masters, nach einem entsprechenden Mix, zwei grundlegend verschiedene, jeweils mit eigenen Kompromissen behaftete Werkzeuge zur Verfügung, nämlich das Clipping und das Limiting. Ein gut eingestellter Clipper kann auf impulsartigen Ereignissen wie Kicks und Snares hervorragende Ergebnisse liefern. Er rasiert die Pegelspitzen radikal ab, verringert den Nominalpegel und verleiht dem Signal im besten Fall mehr Knackigkeit. Traut man sich jedoch, komplexe Mischungen mit gehaltenen Noten, weiter in den Clipper zu fahren, wird man unweigerlich mit unharmonischen Verzerrungen bestraft. Der Limiter hingegen fängt diese lang anhaltenden Signalkomponenten wesentlich sanfter auf. Er neigt jedoch bei heftigen Transienten dazu, diese plattzuwalzen, was das Signal am Ende oft flach und leblos klingen lässt. Professionelle Mastering-Ingenieure kombinieren deshalb beide Welten, um die Last aufzuteilen. Doch diese statische Herangehensweise stößt an ihre Grenzen. Genau an dieser Stelle setzt SSG Audio mit dem Loudness Pro an und verspricht eine Lösung, die das Verhalten der Kette in Bruchteilen von Millisekunden dynamisch anpasst.
Das System ist um einen Variable Knee Clipper und einen adaptiven Master Limiter herum aufgebaut. Der zentrale, überdimensionierte 'Loudness'-Knopf steuert, wie stark das Signal in die Bearbeitung gefahren wird. Flankiert wird er auf der linken Seite von den manuellen Clipper-Reglern 'Contour' für spektrale Dynamik vor dem Clipping und 'Hardness' zur stufenlosen Justierung des Knees zwischen Soft- und Hard-Clipping. Auf der rechten Seite befinden sich der 'Release'-Regler des Limiters sowie die 'Ceiling'-Einstellung zur Festlegung des maximalen Ausgangspegels in dBFS beziehungsweise dBTP, wenn True Peak aktiviert ist. Ein Schieberegler am unteren Rand erlaubt es im manuellen Betrieb, die Gewichtung zwischen der Clipping- und Limiting-Stufe auszubalancieren. Das eigentliche Herzstück des Plug-Ins offenbart sich jedoch erst, wenn man den unscheinbaren Knopf mit der Aufschrift 'Realtime Dynamic AI' betätigt. In diesem Moment verfärben sich die Parameterregler in eine tiefblaue 'Weltraum-Optik' und die manuelle Kontrolle wird vollständig stillgelegt. Die Entwickler von SSG Audio betonen hierbei stolz, dass ihr mathematisches Modell im Gegensatz zu herkömmlichen KI-Werkzeugen nicht mit bestehendem Audiomaterial oder fremden Master-Referenzen gefüttert wurde. Stattdessen basiert der Algorithmus auf der Erforschung der menschlichen Hörwahrnehmung. Er analysiert das ankommende Signal in Echtzeit direkt in der DAW, ohne Latenz oder Cloud-Zwang. Im KI-Modus regelt die künstliche Intelligenz alles: die Balance zwischen Clipper und Limiter sowie Zeitkonstanten, Hardness und Contour von Sample zu Sample. Im manuellen Modus verhält sich Loudness Pro wie ein exzellenter, aber eben herkömmlicher Clipper-Limiter. Dreht man den Loudness-Knopf weiter auf, fängt der Tiefbassbereich unweigerlich zu zerren an. Schaltet man nun die Realtime Dynamic AI hinzu, geschieht etwas Erstaunliches: Das gesamte Klangbild öffnet sich schlagartig, die Mitten gewinnen an Transparenz, Gesangsstimmen treten klar hervor und die tiefen Bässe bleiben stabil, straff und sauber. Selbst bei absurden, in der Praxis kaum vertretbaren Werten von über 10 dB Pegelreduktion bleibt der Punch der Transienten spürbar, ohne dass die gefürchteten Artefakte des Pumpens oder der Verzerrung das Signal beeinträchtigen oder gar zerstören. Die klanglichen Ergebnisse sind so eklatant, dass man sich eingestehen muss, dass das Plug-In eigentlich nur im KI-Modus optimal arbeitet. Die manuelle Einstellung ist in diesem Fall also völlig überflüssig. Die KI erledigt die dynamische Anpassung in einer Geschwindigkeit und Präzision, die kein Mensch jemals über Automationskurven in seiner Timeline nachbilden könnte. Das Interface verhält sich im Grunde wie ein One-Knob-Werkzeug, bei dem man so lange an der Lautheit dreht, bis es passt. Ein Minuspunkt ist das Fehlen einer integrierten Lautheitsangleichung für das Vorhören. Da unser menschliches Gehirn lautere Signale reflexartig immer als besser bewertet, ist ein objektiver Qualitätsvergleich im 'unabgeglichenen' Zustand extrem schwierig. Hier sollten die Entwickler dringend mit einem Update nachbessern. Ein interessantes Detail ist die Funktion Auto Dither Control (ADC). Hierbei handelt es sich um einen Algorithmus, der das Signal nicht permanent mit einem statischen Rauschteppich versieht, sondern nur dann dynamisch dithert, wenn es die Signalstruktur beim Export in standardisierte 16-Bit tatsächlich erfordert. SSG Audio hat mit Loudness Pro zweifellos ein beeindruckendes Werkzeug geschaffen. Es ist ein Lautmacher par excellence, der im AI-Modus eine verblüffende klangliche Offenheit und Transienten-Klarheit bewahrt, die man mit traditionellen Dynamikprozessoren nicht erreicht. Für einen fairen Preis von 79,77 Euro inklusive der Mehrwertsteuer ist dieses Plug-In ein echtes Schnäppchen für die gebotene Qualität. Erinnern wir uns an meinen Test des Cedar Apex: Damals war ich extrem beeindruckt von der spektralen Präzision des Systems. Loudness Pro schlägt nun in eine völlig andere Kerbe, erzielt aber auf seine eigene Weise ein ebenso beeindruckendes, dynamisch klingendes Ergebnis. Während Apex seine Stärken in der spektralen Domäne ausspielt und das tonale Gleichgewicht im Blick hat, brilliert Loudness Pro in der zeitlichen Domäne durch die ultraschnelle, samplegenaue Balance zwischen Clipper und Limiter. Diese fundamental unterschiedlichen Arbeitsweisen laden geradezu zu einer Symbiose in der Mastering-Kette ein, weshalb diese Tools hervorragend miteinander kombiniert werden können.