Story: TC System 6000

Es begann alles vor gut 25 Jahren, als ich 1999 auf einer AES in New York zum ersten Mal ein System 6000 des dänischen Herstellers TC Electronic entdeckte. Die futuristisch anmutende Icon-Remote mit Touchscreen und Motorreglern war ein absoluter Hingucker. Da ich mich gerade in der Aufbauphase für das Teststudio unseres Magazins befand, wollte ich natürlich alle damals relevanten technischen Voraussetzungen für ein funktionierendes Mischstudio erfüllt wissen: Analoges Mischpult, Festplatten-Recorder anstatt Bandmaschine, Outboard, 5.1-Abhöre und natürlich auch ein angesagtes Hallsystem, das man in dieser Zeit ganz selbstverständlich als proprietäre Hardware kaufte. Dafür gab es zwei Top-Kandidaten: das Lexicon 960 und das TC System 6000, beide auf Surround-Produktion ausgelegt. Am Ende entschied ich mich für das System 6000, denn die Aussichten auf eine Systemerweiterung in Richtung 'Mastering' auf dieser modularen DSP-Plattform waren für mich ein klares Argument. Keine Sorge, ich werde nun nicht die Geschichte des Studios in allen Etappen schildern, denn ich schreibe diesen Beitrag aus einem ganz anderen Grund, der jetzt noch nicht ersichtlich ist. Wenn wir aber schonmal dabei sind, will ich, für alle, die es nicht wissen, zumindest in groben Zügen schildern, was das TC 6000 war und immer noch ist. Dazu kommen wir dann in einem späteren Abschnitt.

Nach ungefähr zehn Jahren der Nutzung verkündete die Firma TC Electronic 2010 die Möglichkeit eines kostenpflichtigen Hardware-Upgrades auf die bis heute in vielen Studios zu findende Mk II Version, unter Kennern als 'Silverface' gehandelt, während das ursprüngliche System als 'Blackface' bekannt war. Es war schlicht die Gehäusefarbe von Remotebox, Mainframe und Icon-Remote, die den beiden Versionen zu diesen Namen verhalf. Mein lieber Freund und Kollege Thomas Lund, der damals maßgeblich an der Entwicklung des S6k beteiligt war, erzählte mir von den 'neuen Möglichkeiten', die dieses Upgrade mit sich bringen würde – denn die DSP-Leistung des Systems war längst noch nicht ausgeschöpft, der Flaschenhals war vielmehr das 1,44-MB-Diskettenlaufwerk, das trotz hoher Komprimierung nur begrenzt Daten ins System transportieren konnte. Also bekam das Silverface ein neues Mainframe-Gehäuse (ohne Floppy-Laufwerk) und die Remotebox einen Netzwerkport für den Zugriff auf das Internet und dort auf eine Website, die als Plattform für neue S6k-Software eingerichtet wurde. Damit verschwand die Kapazitätsbeschränkung des veralteten Datenträgers und TC schickte sich an, neue Software zu entwickeln. Es hätte alles nach Plan laufen können, den das dänische Unternehmen offensichtlich hatte, wenn nicht am 30. April 2015 die Übernahme der TC Group durch die Music Group (heute Music Tribe) verkündet worden wäre. Das brachte den eingeschlagenen Expansionsprozess für das System 6000 zum Erliegen, denn der neue Besitzer hatte andere Pläne, die nicht mit dem korrelierten, was TC auf seine Roadmap geschrieben hatte.

In den knapp fünf Jahren seit der Mk II Einführung und der Übernahme hatte TC bereits einiges an Software entwickelt, zum Beispiel Reverb 8, einen neuen Hallalgorithmus, der ausschließlich für das Mk-II-System programmiert wurde. Er nutzte den weggefallenen Floppydisk-Engpass der neuen Hardware und stellte die letzte große kreative Erweiterung der Hallsektion des System 6000 dar. Parallel dazu richtete TC Electronic den Blick zunehmend auf professionelle Broadcast-Anwendungen. Mit dem Softwarepaket 'Live Aid' ergänzte TC Electronic das System 6000 um zwei neue Algorithmen, die speziell für professionelle Live- und Broadcast-Anwendungen entwickelt wurden: ALC6 und DMix.

ALC6 (Automatic Loudness Control) dient der automatischen Einhaltung definierter Lautheitsvorgaben in Echtzeit. Der Algorithmus überwacht kontinuierlich die Programmlautheit und greift bei Bedarf in den Signalpegel ein, um die Einhaltung internationaler Broadcast-Standards sicherzustellen. Anders als ein herkömmlicher Limiter arbeitet ALC6 nicht ausschließlich pegelorientiert, sondern berücksichtigt die wahrgenommene Lautheit des Programmmaterials. Damit eignet sich der Algorithmus insbesondere für Live-Übertragungen, bei denen sich Pegelverhältnisse ständig ändern und dennoch eine normgerechte Aussteuerung gewährleistet werden muss.

DMix wurde für die hochwertige Echtzeit-Konvertierung mehrkanaliger Audioproduktionen entwickelt. Der Algorithmus ermöglicht das Downmixing von Surround-Formaten auf Stereo oder andere Zielkonfigurationen unter Berücksichtigung etablierter Broadcast-Empfehlungen. Pegelverhältnisse, Phantommitte, Surround-Anteile und LFE-Signale werden dabei so verarbeitet, dass der klangliche Eindruck der ursprünglichen Mischung möglichst erhalten bleibt. Damit richtet sich DMix insbesondere an Rundfunkanstalten und Produktionshäuser, die ein Programm gleichzeitig in unterschiedlichen Wiedergabeformaten bereitstellen müssen. Im Zeitalter der immersiven Produktion haben diese Funktionen heute nicht mehr die ursprüngliche Relevanz, aber es ist schon wichtig zu verstehen, wie hart TC Electronic damals am technologischen Wind segelte. Mit diesen Erweiterungen unterstrich das Unternehmen die zunehmende Ausrichtung des System 6000 auf professionelle Broadcast-Workflows. Während frühe Softwaregenerationen vor allem durch Hallalgorithmen, Dynamikbearbeitung und Mastering-Werkzeuge geprägt waren, rückten nun Loudness-Normalisierung, Mehrkanalverarbeitung und normgerechte Signalaufbereitung für Fernsehen und Live-Produktionen stärker in den Mittelpunkt.

Neben diesen Erweiterungen erschienen bis 2014 mehrere Firmware-Versionen, die das System pflegten, stabilisierten und um Detailverbesserungen ergänzten. Gleichzeitig wurde deutlich, dass das Mk II als langfristig ausbaufähige Plattform konzipiert worden war. Die leistungsfähige DSP-Architektur und das neue Update-Konzept ließen erkennen, dass TC Electronic die Entwicklung weiterer Algorithmen vorgesehen hatte. Diese Geschichte lässt sich leider nicht mehr weitererzählen und wäre für mich ganz persönlich auch nicht der Grund gewesen, ein solches System haben zu wollen.