Story: Tactile M4000
Wer sich aktuell ein Projektstudio aufbaut, steht vor der Herausforderung, mit überschaubaren Investitionen einen möglichst großen Nutzen zu erzielen. Dazu reicht in der Regel eine zentrale DAW mit einem guten Audiointerface. Man kann davon ausgehen, dass ein stetig steigender Anteil der angebotenen Streams weltweit so produziert wird. Das muss nicht unbedingt etwas Schlechtes bedeuten, denn es ermöglicht vielen kreativen Musikern und Produzenten, künstlerisch ordentliche Produktionen abzuliefern, die sie nicht schon zu Anfang gleich wirtschaftlich ruinieren. Mit dem Einzug der DAW zur direkten Bearbeitung der Audio-Wellenformen in den 90er-Jahren – mit noch eingeschränkten Freiheiten und Rechenkapazitäten – bis zu den heutigen, fast unbegrenzten Rechenleistungen wurden einige Innovationen verwirklicht. Letztendlich basieren aber alle modernen DAWs auf der Genialität der analogen Vorreiter, nämlich einem in der Bedienungsoberfläche dargestellten, vergleichbar zu handhabenden Analogmischpult. Alle anderen Funktionen sind darauf aufgebaut und mit den Jahren um zusätzliche Möglichkeiten erweitert worden.
Ab Beginn der Musikproduktion vor circa 139 Jahren (1887) war das Ergebnis abhängig von der Kreativität und dem Können der beteiligten Musiker und Tontechniker. Aktuell befinden wir uns an einem Break-even-Point, bei dem die KI diese menschliche Kreativität verdrängen könnte. Pessimistisch betrachtet könnte es daher tatsächlich sein, dass weitaus früher als in 139 Jahren kaum noch jemand weiß, was ein Musiker, Instrument oder Mischpult ist. Musik ist einfach da, letztendlich rückwirkend basierend auf längst verstorbenen, biografischen, kreativen Akteuren und von diesen kopiert.
Kleine Zeitreise
Bevor wir zum eigentlichen Thema dieses Beitrages kommen, machen wir eine verkürzte Zeitreise in die Anfänge der Musikproduktion. Im Jahr 1887 entstand die erste Schallplatte, die vereinfacht gesagt nach dem 'Nadelritzverfahren' aufgenommen wurde und durch Pressung vervielfältigt werden konnte. Der Sänger oder Musiker platzierte sich vor einem Trichter, der die Schallwellen über eine Membran auf eine Nadel übertrug und somit die Schwingungen in ein Medium ritzte. Wenn man es so betrachtet, war dies das erste Einkanal-'Mischpult'. Der Fader (Lautstärkeregler) war der Künstler selbst, der durch den Abstand zum Trichter die Lautstärke beeinflusste. Ich würde nicht gänzlich bezweifeln, dass die damals vorhandene 'Restdynamik' einigen heutigen veröffentlichten Produktionen sogar überlegen war. Bis in die 1950er-Jahre wurde Musik ausschließlich in Mono produziert. Die ersten Mischpulte hatten die Aufgabe, mehrere Monosignale auf eine Monosumme zu mischen. Auch wenn die stereofone Entwicklung bereits 1958 einsetzte, wurde diese erst in den 1960ern konsequent genutzt. Vor der echten Stereoproduktion gab es die sogenannte 2-Kanal-Technik, bei der Instrumente, Stimmen, Hall entweder auf den rechten, linken oder beide Kanäle gelegt wurden. Einen Panorama-Regler gab es zu dieser Zeit noch nicht. Schon Les Paul nutzte diese 2-Kanal-Technik und erweiterte sie (in Zusammenarbeit mit Ampex) zu einem 'Sound on Sound' Verfahren, das letztlich zur Mehrspurtechnik führte. Die ersten 4-Kanal Bandmaschinen von Ampex, Scully und Studer (Beatles Produktionen) kamen auf den Markt, gefolgt von 8, 16, 24 und sogar 32 Spuren auf 2-Zoll-Band (und bei MCI auch auf 3-Zoll-Band, jedoch ohne Markterfolg).
Ab dann verdoppelten sich grob gefühlt die Anzahl der möglichen Trackingspuren der Bandmaschine in jeweils 3 bis 5 Jahresschritten und erforderten immer größere Studiomischpulte, die nur wenigen elitären Musikschaffenden zugänglich waren. Da die Bandmaschinen getrennte Köpfe für Aufnahme und Wiedergabe hatten, musste auch die Mischpulttechnik um die Funktion des Hörens bereits bespielter Spuren erweitert werden. So entstand das Taktmischfeld mit den Wiedergabekanälen der Bandmaschine. Dadurch wurden die Pulte immer breiter und schwerer, verbrauchten in der Zeit der Röhrentechnik extrem viel Strom mit dem Ergebnis enormer Abwärme. Ein 'Monsterpult von damals' erforderte meist einen eigenen Servicetechniker, denn direkt nach der ersten Inbetriebnahme begann auch meist schon die regelmäßige Wartung. Da die elektrischen Werte der analogen Bauteile temperaturabhängig drifteten, musste in regelmäßigen kurzen Intervallen die einzelnen Kanäle auf Kanalgleichheit kalibriert werden. Das führte dazu, dass die Konsolen gar nicht erst ausgeschaltet wurden und somit 24/7 vor sich her dampften, sehr zur Freude der Stromversorger (und zu Lasten der Raumtemperatur). Auch mit dem Einzug der Transistortechnik änderte sich bei Größe und Abwärme der Mischpulte nicht viel. Die Ablösung kam in Gestalt der Inline-Technik, die das bisherige Taktmischfeld ablöste. Hersteller wie MCI und Harrison in den USA oder Allen & Heath in England (Syncon A) brachten hier frischen Wind in die Mischpultlandschaft. Ein Inline Pult mit 28 Inputs und Mastersektion war plötzlich nur noch 160 cm breit, mit integriertem Steckfeld 210 cm. Und das bei unveränderter Modulbreite von 40mm.