Studio Short: 20 Jahre DDMF
In der heutigen Audiowelt hat sich eine Kultur des permanenten Schreiens etabliert. Wer als Softwarehersteller im Gespräch bleiben will, überflutet die Postfächer seiner Kunden im 24-Stunden-Takt mit Rabattaktionen, revolutionären Updates und künstlich verknappten Angeboten. Dass es auch völlig anders geht, beweist eine kleine Softwareschmiede aus Deutschland bereits seit zwei Jahrzehnten. Die Firma DDMF feiert ihr zwanzigjähriges Jubiläum, ohne großes Tamtam, nur mit einem ihrer seltenen 50-%-Rabatte. Ich habe das Angebot genutzt, um die Plug-Ins ‚Envelope‘ (Reverb) und ‚Superplugin‘ (4-Band-24-Plug-In-Chain) zu kaufen. Die beiden Plug-Ins habe ich erst durch diese Aktion entdeckt – Jahre nach ihrer Veröffentlichung.
Damit besitze ich nun 16 der kostenpflichtigen Plug-Ins. Freeware bietet DDMF aber auch und lässt schlichtweg die Qualität ihrer Produkte für sich sprechen. Das Unternehmen wurde im Jahr 2006 von dem promovierten Physiker und leidenschaftlichen Musiker Christian Siedschlag gegründet. Dieser wissenschaftliche Hintergrund prägt bis heute die gesamte Philosophie der Firma. Anstatt mit einem großen Marketingbudget und einer Armada von Vertriebsstrategen zu arbeiten, konzentrierte sich Siedschlag von Anfang an auf effizienten Code, kompromisslose Audioqualität und ein kundenfreundliches Lizenzsystem. Was als ambitioniertes Ein-Mann-Projekt begann, hat sich über die Jahre zu einer festen Konstante im Arsenal internationaler Mixing- und Mastering-Profis entwickelt. DDMF hat bewiesen, dass man im dichten Dschungel der Musikindustrie nicht laut schreien muss, um weltweit Gehör zu finden. Ein Blick auf das Produktportfolio verrät den Grund für den anhaltenden Erfolg. Der 6144 Equalizer ist ein perfektes Beispiel dafür und ehrlich gesagt das einzige Plug-in von DDMF, das ich tatsächlich öfter verwende. Angelehnt an ein Neve-Design fängt dieses Werkzeug den Geist analoger Hardware gekonnt ein. Er besitzt die kostbare Eigenschaft, so wie vermutlich auch sein analoges Vorbild, der Portico 5033, den ich leider nicht besitze, dass man ihn schlichtweg nicht schlecht einstellen kann. Egal wie beherzt man an den Reglern dreht, das Signal behält immer seine musikalische Integrität und wird mit einer seidigen Wärme veredelt, ohne jemals phasig oder steril zu wirken. Es ist ein EQ für das intuitive Arbeiten nach Gehör, der durch mathematische Präzision analogen Wohlklang erzeugt. Für das komplexe Signal-Routing im modernen Studioalltag hat DDMF mit ‚Metaplugin‘ ein Werkzeug geschaffen, das in der Szene völlig zurecht als das Schweizer Taschenmesser für Audio-Plug-Ins gilt. Metaplugin durchbricht nämlich die starren Grenzen herkömmlicher DAWs, indem es eine modulare Umgebung bereitstellt, in der Effekte und Instrumente völlig frei miteinander verkabelt, geschichtet und parallelisiert werden können. Egal, ob es um den Bau gigantischer Layer-Instrumente, komplexer Mid-Side-Matrizen oder das Überbrücken von Bit-Architekturen und Formatgrenzen geht, Metaplugin löst diese Probleme ohne viel Aufhebens im Hintergrund. Weil der modulare Ansatz von Metaplugin mit seiner virtuellen Verkabelung für den schnellen Workflow manchmal etwas zu verschachtelt sein kann, hat Siedschlag das ‚Superplugin‘ entwickelt. Ich habe es mir gleich gekauft, nachdem ich es entdeckt hatte. Superplugin nutzt dieselbe hochentwickelte Engine, präsentiert diese jedoch in einer wesentlich zugänglicheren, seriellen und parallelen Matrix. Besonders die integrierte Frequenzweiche, die das Signal präzise in vier Bänder aufteilt und mit individuellem Oversampling ansteuert, macht es in komplizierteren Setups zu einer unschätzbaren Geheimwaffe. So lassen sich im Handumdrehen aus ganz normalen Lieblings-Plug-Ins maßgeschneiderte Multiband-Prozessoren erstellen. Das vielleicht wichtigste und einzigartigste Tool im DDMF-Katalog ist jedoch ‚Plugindoctor‘. Dieses Analysewerkzeug ist aus dem Arbeitsalltag einiger besonders anspruchsvoller Toningenieure und YouTuber, die die neuesten Plug-Ins auf Herz und Nieren prüfen möchten, nicht mehr wegzudenken. Für Entwickler ist es ein absoluter Pflichtkauf. Plugindoctor ermöglicht die Echtzeit-Untersuchung anderer VST-Plug-Ins. Lineare Frequenz- und Phasengänge, harmonische Verzerrungen, Intermodulationsartefakte und das exakte Regelverhalten von Kompressoren werden in präzisen Diagrammen dargestellt. Wer verstehen will, was ein Plug-In unter der Haube wirklich mit dem Audiomaterial anstellt oder wie ein bestimmtes Plug-In gewisse Dinge tut, findet hier die absolute messtechnische Wahrheit. Nach zwanzig Jahren zeigt sich, dass Bescheidenheit und höchste technologische Kompetenz ein stabiles Fundament für dauerhaften Erfolg bilden können. DDMF feiert sein Jubiläum, wie es die ganze Firmengeschichte über agiert hat: leise, verlässlich und mit Werkzeugen von herausragender Qualität. In einer Branche, die oft durch aggressives Marketing blendet, ist das Unternehmen von Christian Siedschlag ein leuchtendes Beispiel dafür, dass exzellenter Code und ein respektvoller Umgang mit den Kunden die nachhaltigsten Argumente sind. Wir gratulieren herzlich zu zwei Jahrzehnten digitaler Exzellenz und freuen uns auf die nächsten klugen Werkzeuge aus dieser bemerkenswerten Softwareschmiede.