Studio Short: iZotope Tonal Balance Control 3

Worauf ich immer wieder gerne hinweise, ist, dass wir Menschen unterschiedlich wahrnehmen. Der eine reagiert empfindlich auf Wummern, der andere liebt fette Bässe. Der eine reagiert empfindlich auf S-, P- und T-Laute, während der andere das gar nicht mitbekommt. Der eine liebt Klarheit, für den anderen klingt genau das nach Schärfe. Je nachdem, welcher Typ wir sind, bemerken wir das eine oder das andere – oder es geht uns einfach durch die Lappen. Genau aus diesem Grund brauchen wir Analyzer, die uns optisch zeigen, was tatsächlich passiert, sodass wir uns bei Bedarf gezielt auf einzelne Aspekte konzentrieren und diese bewusst adressieren können.

Ich verwende Analyzer schon lange, und inzwischen haben viele EQ-Plug-Ins bereits entsprechende Funktionen integriert. Tonal Balance Control (TBC) ist zwar ebenfalls ein Analyzer, funktioniert aber doch etwas anders als die meisten. Das Frequenzspektrum wird über eine gewisse Zeit gemittelt; es stehen Real Time, 1, 3, 5 und 10 Sekunden sowie Infinite zur Auswahl. Am hilfreichsten empfinde ich die voreingestellten 5 und 3 Sekunden. Die Kurve wird innerhalb eines Toleranzschlauchs mit Zielkurvencharakter dagestellt. Das liegt daran, dass sich Musik dynamisch verändert und hier – gemittelt – die Bandbreite aller Messungen angezeigt wird. Der Begriff ‚Zielkurve‘ ist allerdings irreführend, denn es handelt sich nicht um Ziele, die es zu erreichen gilt, sondern um Messungen irgendwelcher, nicht näher benannter Referenz-Songs. Man kann aus über 30 von iZotope gemessenen Genres wählen oder eigene Zielkurven nutzen (ich verwende den Begriff weiter, weil er im Plug-In genutzt wird, auf Englisch ‚Target Curve‘). In der neuen Version lässt sich zudem zwischen zwei Targets prozentual überblenden, was insbesondere bei stilistischen Grenzgängen interessant sein kann. Ich nutze dieses Tool in der Version 2 schon seit Jahren im Abhörkanal und habe die GUI praktisch immer im Blick, da sie mir genau die Informationen liefert, die ich benötige. Dabei bekomme ich immer wieder Hinweise auf kleine Details, die mich vielleicht nicht unmittelbar stören, die ich aber sofort sehen und anschließend bewusster abhören kann. Egal, ob es sich um S-, P- und T-Laute, zu laute Einzelinstrumente oder über- beziehungsweise unterbetonte Frequenzbereiche handelt – all das lässt sich hier sehr schnell erkennen. Gerade dann, wenn man sich in einem Genre nicht besonders gut auskennt, hilft TBC bereits frühzeitig bei Arrangement, Recording und Mixing, um die Balance im Auge zu behalten.  Umso erfreulicher ist es, dass Tonal Balance Control von iZotope, der Analyzer meiner Wahl, kürzlich auf Version 3 aktualisiert wurde. Die Aufteilung in die vier Frequenzbereiche Low, Low-Mid, High-Mid und High mit den Übergangsfrequenzen von etwa 250 Hz, 2 kHz und 8 kHz (zumindest legt die grafische Darstellung diese Werte nahe) ist allerdings unverändert geblieben und lässt sich weiterhin nicht anpassen. In der Plug-In-Version lassen sich die einzelnen Bereiche solo abhören, allerdings nur, solange der jeweilige Schalter gedrückt gehalten wird. In der neu hinzugekommenen Standalone-Version fehlt diese Funktion, dafür lässt sich hier das gesamte Systemaudio analysieren, unabhängig davon, ob es aus Apple Music, YouTube oder einem anderen Player stammt. Zudem kann man per Klick auf ‚Capture‘ die laufende Wiedergabe in eine eigene Zielkurve überführen. Der praktische Nutzen ist jedoch begrenzt, da einzelne Tracks naturgemäß sehr individuell sind und entsprechend eher unruhige Kurven erzeugen.

Auffällig ist, dass sich die Zielkurven von Version 2 zu Version 3 teilweise deutlich verändert haben. Doch nicht nur die Genre-Referenzen sind betroffen – auch die Darstellung der in Echtzeit analysierten Musik unterscheidet sich. Das konnte ich direkt beobachten, als ich V2 und V3 parallel dieselbe Musik analysieren ließ. Insbesondere im Bass-, Subbass- und Hochtonbereich zeigt Version 3 geringere Pegel an als Version 2. Wer sich zu stark auf die visuelle Darstellung verlässt, würde daher tendenziell mehr Bässe und Höhen hinzufügen als zuvor. Entsprechend gilt weiterhin: Vorsicht – und immer auf das eigene Gehör verlassen. TBC ist ein Hinweisschild, hören muss man schon selbst. Wenn man eine klare Vorstellung der angestrebten Klangästhetik hat, kann es sehr hilfreich sein, mehrere Referenzen in TBC3 zu importieren und zu einer eigenen Zielkurve zu kombinieren. Klickt man unten auf ‚Extra Meters‘, erscheinen in Version 3 drei zusätzliche Analysewerkzeuge, die sich ebenfalls auf die gewählten Referenzen beziehen. Ganz links befindet sich der Balken ‚Vocal Balance‘, der das Verhältnis der Vocals zu den Instrumenten innerhalb der üblichen Bandbreite anzeigt. In der Mitte folgt ‚Dynamics‘, das die Balance zwischen zu viel Dynamik und zu starker Kompression visualisiert. Rechts schließlich zeigt ‚Stereo Width‘ die Stereobreite unter Einbeziehung der Phasenkorrelation. Alle drei Anzeigen sind übersichtlich gestaltet und lassen sich schnell interpretieren – im Mixing- und Mastering-Alltag sind sie entsprechend hilfreich. Neu hinzugekommen ist außerdem ein Equalizer mit bis zu acht Bändern und 18 verschiedenen Filtertypen. Darüber hinaus können nun alle Instanzen von iZotope EQs innerhalb eines Projekts direkt im Fenster von TBC3 aus einem Dropdown-Menü ausgewählt und bearbeitet werden. Bei mehreren Spuren wird es allerdings etwas unübersichtlich, da die Spurbezeichnungen nicht angezeigt werden. Umgekehrt lassen sich die in TBC3 definierten Referenzen auch in den Assistenten von Ozone oder Neutron als Zielvorgabe nutzen. Neben den bisherigen Darstellungsoptionen ‚Broad‘ und ‚Fine‘ – wobei ich selbst meist ‚Fine‘ verwendet habe – wurde eine weitere Ansicht ergänzt, die die Abweichung zwischen Messung und Zielkurve direkt visualisiert. Dabei wird der ‚Schlauch‘ begradigt und vertikal dargestellt, wodurch Abweichungen besonders klar und intuitiv sichtbar werden. Diese Darstellung dürfte sich in der Praxis schnell als neue Standardansicht etablieren. Insgesamt hat Tonal Balance Control mit Version 3 deutlich an Nutzen gewonnen. Lediglich eine flexiblere Solofunktion, insbesondere in der Standalone-Version, wäre aus meiner Sicht eine sinnvolle Ergänzung.